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Wie der Tabak zum Kleinen Volk
kam
von Joachim Acker

Es ging hoch her im Schwarzen
Drachen. Der Pfeifenraucherstammtisch feierte das Ende der damals
verhängten Strafe, und er feierte nicht zu knapp. Allerdings
nicht mit Bier und Wein und lauter solchen leckeren Getränken:
Nein, Sprudel mit Himbeersirup, Tee und Kaffee stand vor uns
wackeren Gesellen. Ja, was soll ich sagen: Die Stimmung war dennoch
prächtig, die Pfeifen rauchten und Wolken eines mehr oder
weniger wohlschmeckenden Tabaks verpesteten die Schankstube.
Dann erinnerte sich einer daran daß ich damals im Begriff
war eine Geschichte zu erzählen. Wie der Tabak zum Kleinen
Volk kam, wußte ein Anderer noch den genauen Inhalt dessen
was ich erzählen wollte. Also präparierte ich mir eine
frische Pfeife und begann nochmals von vorn:
Erzählte wie ich einst auf einer langen Wanderschaft war,
mich im Schatten eines Baumes ausruhte, mit einem vom Kleinen
Volk ins Gespräch kam. Ihm Tabak schenkte, das mochten die
Kleinen besonders gern und von ihm mit einer Geschichte belohnt
wurde. "Es gab eine Zeit", erzählte der Kleine
Mann, "da kannten wir vom Kleinen Volk den Tabak noch nicht.
Wohl rauchten wir damals schon, aber selbergesammelte Kräuter
aus dem Wald und vom Wiesenrain die allesamt fürchterlich
schmeckten, im Halse ganz fürchterlich kratzten und wüst
auf der Zunge brannten. Ich will dir diese Geschichte erzählen",
sprach er zu mir, die Geschichte wie ein tapferer junger Bursche
das Rauchkraut zu uns brachte.
Einst, es war schon sehr lange her lebte im Norden ein König
der hatte eine wunderschöne Tochter die von einem bösen
Zauberer begehrt wurde. Aber sie wollte natürlich nichts
von ihm wissen, ihre Liebe galt schon lange einem Anderen, und
dies ließ sie auch in aller Deutlichkeit den Zauberer wissen.
Der Zauberer nun, blindwütig vor Zorn und Haß auf
das schöne Mädchen verzauberte sie mit einem bösen
Fluch: Nie wieder solle sie lachen, nie wieder fröhlich
sein, nie wieder an dem Gesang der Vögel, am tanzen der
Schmetterlinge ihre Freude haben. Und so geschah es: Mit dem
Lachen der Prinzessin erstarb auch das Lachen der Menschen im
Lande. Traurigkeit zog ein in das Land des Kleinen Volkes, eine
tiefe, alles Leben lähmende Traurigkeit. Nur einer der Allerweisesten
im Lande wußte Rat: Er hatte von einer Pflanze gehört
die weit hinter den Schattenbergen wachsen sollte, eine eigentümlich
riechende und unter Wohlgerüchen verglimmende Pflanze. Ihr
Duft und das Einatmen ihres Rauches würde die Fröhlichkeit
des Mädchens wiederbringen. Und so wurde Umschau gehalten
unter den jungen Burschen im Lande, der mutigste und klügste
wurde schließlich erwählt: Emil, der Sohn des Waffenschmieds
wurde mit dieser schweren Aufgabe betraut. Emil machte sich auf
den Weg nach Süden dort wo diese geheimnisvolle Pflanze
angeblich wachsen sollte. Lang und beschwerlich war der Weg,
oft war Emil in großer Gefahr, bestand viele Abenteuer.
Aber schließlich erreichte er sein Ziel und fand dies wundersame
Gewächs.
In einer weiten, sonnenüberfluteten
Ebene wurde die Pflanze von freundlichen Menschen angebaut und
verarbeitet. Sie nahmen den fremden Wanderer der von so weit
her kam gerne auf, teilten ihr Mahl mit ihm. Und Abends saß
er mit ihnen am Feuer und lauschte den alten Liedern, hörte
Geschichten aus längst vergangenen Tagen. Einige Tage später
dann, als sich Emil von den Anstrengungen der Wanderschaft etwas
erholt hatte, erzählte er den Ältesten des Dorfes von
der Not die in seinem Lande herrschte und vom Rat des Allerweisesten.
Gerne wollten die Leute seiner Bitte nachkommen, ihm soviele
Pflanzen geben wie er zu tragen gewillt war, sie wollten ihm
auch alles über den Anbau, die Pflege und die Weiterverarbeitung
dieser seltenen Pflanze sagen. Ja, sie waren sogar gewillt ihm
eine tüchtige Anzahl von guten Pfeifen mitzugeben. Alles
hätte aber einen Haken: Sie könnten es nicht umsonst
tun. Und da Emil keine Reichtümer noch sonstwas bei sich
hatte was dafür geben konnte, mußte er sich verpflichten
den Bewohnern der Ebene 10 Jahre lang zu dienen. Er versprach
es, notgedrungen, denn es blieb im schließlich nichts anderes
übrig, sonst wäre ja alle Mühsal umsonst gewesen
und die Prinzessin und das Land würde nie mehr aus der Traurigkeit
erwachen.
Und so machte sich Emil nach einigen Wochen auf den Heimweg.
Ihr könnt euch gut vorstellen wie groß die Freude
und der Jubel war als er in das Reich der Kleinen Leute zurück
kam. Er teilte seinen Freunden das Wissen um die Pflanze mit
und bald war die Prinzessin geheilt, es herrschte wieder Jubel
und Freude im ganzen Land. Emil aber, durch sein Wort gebunden,
nahm erneut Abschied um in die große Ebene weit im Süden
zurückzukehren. So wie er es versprochen hatte. 10 Jahre
dienen, das war der Preis und Emil ging um zu bezahlen. Und in
all die Freude und das Glück im Lande mischten sich manche
Tränen.
Hier endete der Mann vom Kleinen Volk. Wir zündeten uns
neue Pfeifen an und bliesen dichte Rauchringe in den Abendhimmel.
Dann sagte der Kleine: Ja, so war es damals als zum ersten Male
das Rauchkraut in unser Land kam. Ob man weiß was aus Emil
geworden ist fragte ich den Kleinen. Niemand weiß es, war
seine Antwort. Keiner von uns hat ihn jemals wieder gesehen oder
von ihm gehört. Aber wir alle behalten ihn in unseren Geschichten
und Liedern in Erinnerung.
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