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Gedanken am Meer
von Joachim Acker

Uralte Felsen sind es auf denen ich hier am Meer sitze, uralt
und aus einer Zeit als die Erde noch jung war und noch nichts
von dem ahnte was ihr einst alles wiederfahren wird. Der scharfe
Nordwestwind zerrt an meinen Kleidern und zum entzünden
meiner Pfeife benötige ich Unmengen von Streichhölzern.
Schon das schneiden des Plugs war eine mühselige Sache gewesen,
immer wieder nahm der Wind die Schnippfelchen mit sich fort auf
seinem stürmischen Weg. Dann aber verlegte ich diese Tätigkeit
ins Innere des Rucksackes und dort klappte es auch ganz gut,
von einem kleinen Ritzer im Finger wollen wir mal absehen. Nun,
meine Pfeife war entzündet und ich schaute den Rauchwolken
nach die vom Wind sofort zerrissen und verweht wurden. Ich schaute
nach links hinüber auf die Klippen von Port Helaeth, dort
zerschellten im Oktober des Jahres 1859 soviele Träume,
Hoffnungen und Leben. Von den Goldfeldern Australiens kommend
und als Ziel den Hafen von Liverpool ansteuernd wurde dort der
Dampfsegler _Royal Charter_ in seinen Untergang gejagt. Er war
das bis dahin schnellste Schiff daß diese Reise gemacht
hat und so mißachtete der Kapitän alle Sturmwarnungen,
von Ehrsucht und Ehrgeiz getrieben führte er sein Schiff
in den Untergang. Der schlimmste und schrecklichste Sturm den
die Menschen dieser Gewässer bis dato erlebt hatten trieb
das Schiff auf die Klippen des Steilufers und dort zerbrachen
alle Hoffnungen, Träume und Pläne der mitreisenden
Passagiere. Über 460 Menschen nahm die See zu sich, ertrunken,
an den Felsen zerschellt und zerschmettert. Grauenvoll muß
es gewesen sein und die Bewohner der Insel versuchten verzweifelt
den armen Seelen zu helfen, manche konnten gerettet werden, unsäglich
viele jedoch nicht. In dieser Nacht, in dieser Sturmnacht wurden
einfache Fischer zu Helden von denen auch Heute noch erzählt
wird. Im Museum des kleinen Dorfes liegen in einer Vitrine einige
Gegenstände die von mutigen Tauchern geborgen wurden. Darunter
auch die Köpfe dreier Tonpfeifen und der vom Salzwasser
zerstörte Kopf einer Bruyeré Pfeife. Nachdenklich
stehe ich immer vor dieser Vitrine und betrachte die zerbrochenen
Überreste der Pfeifen, zerbrochen so wie das Leben von so
vielen.
Plötzlich bemerkte ich daß
jemand neben mir auf dem Felsen saß. Ich erstaunte nicht
schlecht als ich einen vom Kleinen Volk erkannte, einen alten
bärtigen Mann der mich um etwas Tabak bat. Zusammen rauchten
wir dann unsere Pfeifen und sahen den Rauchfetzen nach wie sie
verweht wurden im Nordwest.
Dann begann er mir mit leiser, raunender Stimme die Geschichten
der Insel zu erzählen: er sprach von kühnen Helden
die gegen Unholde und Untiere kämpften, von tapferen Männern
die hinausfuhren aufs Meer und dort dem Wale nachjagten, erzählte
von Bauern die auf den Feldern ihrer täglichen Arbeit nachgingen.
Ja sagte er: Reich war das Land, reich und fruchtbar. So fruchtbar
daß man der Insel den Beinamen "Mutter von Wales"
gab. Denn ihre Fülle konnte ganz Wales ernähren. Was
waren das für große Zeiten, für gute Zeiten sagte
er leise. Wir entzündeten uns neue Pfeifen und der Mann
vom Kleinen Volk erzählte weiter.
Er erzählte mir von Branwen, der Schönen. Eine Königstochter
war sie und an Schönheit kam niemand unter der Sonne ihr
gleich. Nach Irland wurde sie verheiratet und kam dort in Schande
und Elend. Und dann machten sich die Helden und Krieger der walisischen
Stämme auf den Weg um ihre Branwen zu befreien und die Schmach
zu rächen. Ein riesiges Heer fuhr hinüber nach Irland
um dort in grauenvollen Kämpfen jämmerlich zu Grunde
zu gehen. Nur Sieben kamen zurück in die Heimat, unter ihnen
Branwen. Hier auf der Insel starb sie und wurde am Ufer des Baches
Alaw in einem mächtigen Steingrab begraben. Trauer war da
überall in Wales, Trauer und Wehklagen um all diejenigen
die dahingegangen sind. Der Alte schwieg nun eine Weile und dann
begann er aufs Neue zu erzählen. Von den Römer sprach
er nun die mit Schwert und Pilum über die Bewohner der Insel
herfielen und niemanden verschonten. Schrecklich war es, und
wir vom Kleinen Volk mußten alles mit ansehen, konnten
nicht helfen, konnten nichts tun dagegen. Und ich sah wie eine
Träne seine faltigen Wangen hinablief. Dann erzählte
er mir noch aus den Tagen als die ersten weisen Männer kamen
und die neue Religion brachten, wie sie Kapellen bauten, der
Bevölkerung den neuen Glauben lehrten. Lange sprach er noch
und ich hörte geduldig und wißbegierig seinen Geschichten
zu.
Es dämmerte schon als er
endete, der Kleine klopfte seine Pfeife aus und legte mir zum
Abschied die Hand auf die Schulter. Dann sprach er noch zu mir:
Ich möchte ja nicht undankbar sein aber das Rauchkraut daß
du da in die Pfeife legst schmeckt wahrlich ganz fürchterlich.
Du solltest dir mal was besseres leisten! Dann verschwand er
irgendwo in einer Felsspalte.
Ich machte mich auf den Heimweg, der Wind hat etwas nachgelassen
und es begann zu regnen, gleichzeitig schien aber die Sonne.
Als ich mich nochmals umdrehte und zurückschaute sah ich
über der Stelle an der das Schiff seine letzte Ruhe fand
einen Regenbogen ins Meer tauchen. Ich blieb stehen und nahm
dieses Bild in mich auf, prägte es mir ein um es niemals
wieder zu vergessen.
Lange noch stand ich da, merkte garnicht daß mich der Regen
durchnäßte.
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