Traumgesicht

von Joachim Acker

Bist du schon einmal an einem rauhreifkalten Spätherbsttag über die Felder gegangen und hast gesehen wie die ersten Strahlen der rot-orange aufgehenden Sonne diese Wunderwelt aus gefrorenem zum gleißen und glitzern brachte? Nein, sagst du? Dann geh ein Stück mit mir, begleite mich mit deinen Gedanken auf meinem Gang. Du zögerst? Komm nur, es ist nicht anstrengend wir gehen langsam und gemächlich.

Heute Morgen ging ich durch durch diese verzauberte Welt, mein Weg führte mich einen Hügel empor. Auf halben Wege blieb ich stehen, zündete meine ausgegangene Pfeife wieder an, blickte mich um. Ich schaute zurück hinab in mein Tal, leichter Morgennebel lag über der Au, ich sah den Fluß, die krummen Weiden, die schlanken Pappeln die seinen mäandernden Weg säumen. Drüben die Stadt, gerade erwacht zu neuem geschäftigem Leben, Rauch steigt aus den Schornsteinen, kräuselt sich im Morgenwind und verweht, am Stadttor ein Fuhrwerk, hoch beladen. Meine Pfeife war schon wieder ausgegangen, ich zündete sie mit klammen Fingern erneut an, die Kälte des Morgens war wohl nichts für sie. Ein Schwarm Wildenten flogen schnatternd über mich hinweg, ich schaute ihnen nach, sah wie sie sich hinabfallen ließen zum Fluß, froh ein vertrautes Element gefunden zu haben. Dann ging ich weiter, den Hügel hinan, die hartgefrorenen Erde des schmalen Feldweges knirschte etwas unter meinen Schritten, kleine Eisflächen zersplitterten. Ein Rotkehlchen äugte neugierig aus der sicheren Deckung eines Busches auf den frühen Wanderer, eine Amsel begann aufgeregt und empört zu schimpfen, eine Zweite machte es ihr nach. Ich lächelte als ich die Empörung hörte. Drüben sah ich die uralte Wetterbuche stehen, ein mächtiger, von Sturm und Wetter zerzauster Baum, die kahlen Äste reckten sich knorrig dem Himmel entgegen. Nein, er war noch nicht ganz kahl, vereinzelt klammerten sich noch Blätter an seine Zweige, letzte Zeugen einer einst gewesenen Fülle. Und jetzt erst sah ich das Feuer am Fuß des Stammes und erkannte daneben eine sitzende Gestalt. Sie sah mich denn sie stand auf, rief mich bei meinem Namen und winkte mich heran. Erstaunt ging ich hinüber.

Ein Mann stand da, schwer schätzbaren Alters, in einen weiten dunklen Umhang gehüllt, scharfblickende graue Augen schauten mich aus tiefliegenden Höhlen an. Schmal war das Gesicht, grau die Haare und dunkel-dumpf, wie von sehr weit her, seine Stimme mit der er mich anredete: "So, da bist du ja nun, lange habe ich auf dich gewartet, es wurde mir kalt dabei und ich zündete mir ein Feuer an" Ich schaute ihn an, verwundert und erstaunt, und da erkannte ich ihn und erschrak bis ins Mark meiner Knochen. Du bist, stammelte ich, er aber schnitt mir mit einer Handbewegung das Wort ab und sagte: " Nenn mich nur Gevatter, das ist ausreichend". "Wir haben noch etwas Zeit, laß uns noch zusammen eine Pfeife rauchen", sprachs und zog aus seinem Umhang eine kleine, gebogene Pfeife bat mich ihm von meinem Tabak zu geben.

Wir setzten uns ans Feuer, entzündeten mit einem brennenden Aststückchen unsere Pfeifen, schweigend saßen wir da und rauchten. "Ist jetzt die Zeit für mich gekommen ?" fragte ich den Mann der Gevatter genannt werden wollte. Er nickte bejahend und fügte dann hinzu: "Du brauchst keine Angst haben, ich bin dein Freund, ich werde dich führen". "Neulich tat ich jemandem Unrecht, habe ich noch soviel Zeit ihn um Vergebung zu bitten?" fragte ich den Gevatter. Von der Ferne her begann die große Glocke der Kirchturmuhr die Stunde zu schlagen, wuchtig dröhnten die Schläge, weithin hallten sie über das Land, die neunte Stunde wars. "Nein, du hattest Zeit, du hast sie nur nicht genutzt" antwortete er mir auf meine Frage, klopfte seine Pfeife in der Handfläche aus und stand auf.

Dann nahm er mich an der Hand und wir gingen zusammen den Hügel hinab ins nebelige Tal, hinüber zum Fluß. Ein Kahn steuerte auf mich zu, vertraut kam mir das alles vor und ich erinnerte mich an ein anderes Traumgesicht das ich einst hier hatte. Ich erkannte den Fährmann und er mich denn er rief mir zu: "Oh, du bist doch der Mann mit der Pfeife? So schnell schon bist du hier?, komm, hab keine Furcht" Und als ich hineinstieg in den Kahn hatte ich zum ersten Male in meinem Leben keine Angst mehr und wußte gleichzeitig daß ich mich niemals mehr ängstigen muß.. Vor meinen Augen begannen die Umrisse des Fährmanns, des Kahns und des Flusses zu verschwimmen, sich aufzulösen wie in einem Nebel. Dann war alles dunkel.

Lebt wohl!