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Der Pfeifenraucherstammtisch
von Joachim Acker

Diejenigen die mich kennen wissen daß ich es mit dem
Kochen nicht so gut verstand. Wenn ich es mal versuchte wurde
es meistens ein ganz grauslich schmeckendes Irgendetwas. Selbst
das Schweinchen meines Nachbarn, dem ich dann die Reste meistens
brachte, flüchtete mit Abscheu und Entsetzen in eine Ecke
des Kobens, ängstlich den Kopf zwischen die Vorderbeine
gesteckt.
Nun, was soll ich sagen, das Heutige Mittagessen war mir wiedermal
gründlich mißlungen und so lenkte ich meine Schritte,
getrieben vom Hunger, in den "Schwarzen Drachen". Als
ich die schwere Eingangstür öffnete kam mir wie gewohnt
ein dichter, eigenartig riechender Rauchnebel entgegen und ich
wußte sofort daß der Pfeifenrauchertisch wieder dicht
besetzt war.
Der dicke Fred, breit grinsend
vor einem großem Glas Most, verschmurgelte wieder einmal
seinen Eigenbautabak in einer riesigen Pfeife, ein fürchterlich
riechendes Gemisch aus wilden Kräutern, getrocknetem Gras
und was weiß ich noch. Etwas gequält ob der Geruchsbelästigung
saßen die anderen Freunde am Tisch, ein jeder hatte seine
Pfeife im Mund oder in der Hand, vor sich einen Krug mit Wein
oder Most dem eifrig zugesprochen wurde.
Ich öffnete das Fenster um etwas frische Luft in die
Gaststube hereinzulassen, sofort kam wütender Protest: Es
sei saukalt, sie wollten nicht erfrieren, mach das Fenster wieder
zu!
Als ich gesättigt war und mich im Stuhl zurücklehnte,
meine Pfeife ansteckte und behaglich vor mich hin rauchte, den
Rauchwölkchen nachschaute die sich zur Decke kräuselten,
da schlug einer meiner Freunde vor ich sollte ihnen doch wiedereinmal
eine Geschichte erzählen. Ich dachte eine kleine Weile darüber
nach was ich ihnen wohl erzählen konnte und dann fiel mir
die Geschichte ein die mir einst einer vom Kleinen Volk erzählt
hat.
Die Geschichte wie einst der Tabak zum Kleinen Volk kam.
Vor langer Zeit, so begann ich nun meine Erzählung, machte
ich an einer alten zerfallenen Feldscheuer Mittagsrast. Als ich
mir nach dem Essen eine Pfeife ansteckte und zufrieden, mit vollem
Magen ist man meistens zufrieden, dem Rauch nachschaute, sah
ich aus einem Loch im Wurzelwerk eines Apfelbaumes einen kleinen
Gesellen hervor kriechen. Er kam auf mich zu, wir begrüßten
uns und sich durch den dichten Bart streichend fragte mich der
Mann ob ich ihm etwas von meinem Tabak abgeben könnte.
Weiter kam ich nicht mit dem Beginn meiner Geschichte, denn
einer meiner Freunde hatte nichts besseres zu tun als dem dicken
Fred, der mit geschlossenen Augen meiner Geschichte lauschte,
ein paar Haare in den Pfeifenkopf zu plazieren. Fred machte das
natürlich nichts aus, er merkte nicht mal den plötzlich
veränderten Geschmack seines Krautes. Als ihm dann aber
noch der Ludwig, den wir alle wegen seiner geringen Körpergröße
den "laufenden Meter" nannten, ein Papierkügelchen
in den Pfeifenkopf warf und wir laut auflachten, merkte der Fred
wohl daß wir ihm einen Streich spielten. Noch niemals hörte
ich dann innerhalb kürzester Zeit so viel wüste und
schlimme Schimpfwörter.
Fred ergriff sein Mostglas und wollte es irgendeinem an den
Kopf werfen, leider ging der Wurf fehl. Das heißt nicht
ganz fehl: er traf einen jungen Burschen am Nebentisch der dort
mit seinen Freunden Karten spielte. Offensichtlich hatte er keinen
so stabilen Kopf denn er ging ziemlich geräuschvoll zu Boden,
zappelte noch einmal mit seinen Füßen und lag dann
still. Fred schüttelte den Kopf und brummelte etwas daß
sich anhörte wie: Die heutige Jugend verträgt aber
auch nichts mehr oder so ähnlich. Weichei glaubte ich auch
noch zu hören. Ich kann mich aber auch irren. Dann ergab
ein Wort das andere, die Wortgefechte wurden hitziger und schärfer,
das war nicht verwunderlich denn die Burschen am Nebentisch waren
nicht aus dieser Gegend und verstanden die Feinheiten unseres
Dialektes nicht. Nun, was soll ich sagen: das Mostglas das Fred
warf war und blieb nicht das einzige was nun im Folgenden zu
Bruch ging. Einige Stühle und Tische hauchten ihr Leben
aus, Mostkrüge sowieso, die sind ja auch nicht so besonders
stabil, eine Pfeife ging zu Bruch. Das machte ihren Besitzer
natürlich extrem wild und er, der sonst doch immer zurückhaltend
war stürzte sich ebenfalls ins Getümmel. Aber eines
muß ich doch noch zu unserer Verteidigung sagen: wir haben
nicht angefangen mit dem ganzen Zirkus. Das waren eindeutig die
wehleidigen Burschen am Nebentisch.
Im Hintergrund schrie und schimpfte
der Wirt, die Frau Wirtin bekam einen Anfall nach dem anderem
schrie nach der Feuerwehr, der Polizei, dem Pfarrer. Was soll
denn der Pfarrer hier dachte ich, dann wurde es ziemlich grell
vor meinen Augen, ich ging zu Boden. Ich kam zu mir als mir die
Obrigkeit in Form der Polizei einen Eimer Wasser ins Gesicht
leerte. Um mich herum sah es aus als ob der Blitz eingeschlagen
hätte. Wie aus weiter Ferne hörte ich seltsame unheimliche
und irgendwie unwirkliche Laute, sehr geräuschvoll noch
dazu. Ich drehte den Kopf und sah einige der Ehefrauen meiner
Pfeifenkameraden die herbeigerufen wurden um ihre Männer
abzuholen. Sie waren es die diese furchterregenden Geräusche
hervorbrachten, sie waren dabei ihren Männern die Leviten
zu lesen. Oh weh, was bekam ich da alles zu hören. Wörter
die ich in meinem Leben noch nie gehört habe und die ich
hier unmöglich weitergeben kann. Und was war ich in diesen
Minuten froh daß ich Unbeweibt war, das kann ich euch sagen.
Ein paar Tage später fanden wir uns alle vor dem Richter
im Rathaus wieder. Daß es nur eine harmlose Rauferei war
ließ er nicht gelten, da war von Beleidigung und Körperverletzung
die Rede. Und ohne Gnade und Mitleid mit uns wurde der ganze
Pfeifenraucherstammtisch zu mehreren Wochen gemeinnütziger
Arbeit verurteilt. Einige baten um einen kurzfristigen Aufenthalt
im städtischem Arresthaus, lieber eingesperrt an einem sicherem
Ort als zu Hause sagten sie. Aber auch da kannte der Richter
kein Erbarmen, die Bitte wurde aber abgelehnt. Das namenlose
Entsetzen in den Augen meiner Freunde werde ich lange nicht mehr
vergessen. Ja, so war's.
Und wenn du, geneigter Leser dieser Geschichte, einmal in
unsere Stadt kommst und siehst einige pfeiferauchende Männer,
bewacht von einem bösartig grinsenden Polizisten, die Straße
kehren dann wisse daß dies der zu Unrecht verurteilte Pfeifenraucherstammtisch
ist.
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