Die Tonpfeife

von Joachim Acker

Der Winter war lang, sehr kalt und, wenigstens bei uns im Tal, schneearm gewesen. Aber langsam gewann nun die Sonne an Kraft und vertrieb die Kälte und das Grau der Wintertage.

Der erste warme Vorfrühlingstag lockte mich aus meinem Haus, ich hatte beschlossen einen kleinen Spaziergang zu machen. Tabak, Pfeifen und was ein Pfeifenraucher sonst noch benötigt wurden in die Tasche gesteckt und dann ging ich hinab zum Fluß.

Auf dem mir vertrauten Mauerrest nahm ich Platz, kramte in meinen unergründlichen Taschen nach den Rauchutensilien, fand schließlich alles was ich benötigte. Und nun saß ich rauchend da und schaute hinüber zum Fluß. Es war ein faszinierender Anblick: die Schneeschmelze in den Bergen hatte eingesetzt und das sonst so ruhig und still dahinfließende Gewässer war zum reißenden Strom geworden. Dreckbraune Fluten brodelten schäument an mir vorüber, Äste und mitgerissener Unrat tanzten darin einen wilden Reigen.

Mein Freund, der Schaufler, kam des Weges, setzte sich neben mich, steckte sich ebenfalls eine Pfeife an und nun saßen wir beide da, rauchten und konnten uns nicht sattsehen an diesem Naturschauspiel.

Plötzlich zog mein Freund eine dreckverkrustete Tonpfeife aus der Tasche und reichte sie mir mit den Worten: "Hab ich vorhin bei meiner Arbeit gefunden, es ist jetzt schon die zweite die mir unter die Schaufel kam, nimm sie. Vielleicht fällt dir dazu eine Geschichte ein." Wir saßen dann noch eine Weile beieinander und rauchten schweigend unsere Pfeifen, dann verabschiedete sich mein Freund und ging.

Mit der Zeit wurde es mir kühl, außerdem verspürte ich ein abscheuliches Hungergefühl also machte ich mich ebenfalls auf den Rückweg der mich am "Schwarzen Drachen" vorbeiführte.
Dort wurde mein Hunger mit einem sehr schmackhaften Gemüsesüppchen gestillt und weil keiner meiner Freunde dort war ging ich nach Hause.

Es wurde kühl in meiner Stube und ich zündete das Kaminfeuer an, setzte mich davor, füllte mir eine neue Pfeife und nahm die inzwischen gereinigte Tonpfeife zur Hand.

Sie war am Holm abgebrochen, der nach vorne geneigte Kopf dunkel verfärbt, das Innere schwarz verbrannt. An der Seite trug sie einen Stempel, irgendein Wappen so wie es aussah, es war nicht mehr so gut erkenntlich. Da ich mich mit den Tonpfeifen nicht auskannte ging ich Abends noch zu meinem Tabakhändler und dort fanden wir in seinen alten Büchern nach langer Suche ein Abbild dass dem auf der Pfeife am nächsten kam. Wie alt die Pfeife war, eine schwere Antwort, sicherlich gut und gerne 300 Jahre.

Nun saß ich wieder vor dem lodernden, wärmespendenden Kaminfeuer und dachte über die Tonpfeife und ihren Besitzer nach. Meine hölzerne war ausgegangen, leergeraucht. Ich legte sie zur Seite und griff nach einer Anderen füllte sie, dann, als sie brannte, nahm ich wieder die tönerne zur Hand und mancherlei Gedanken gingen mir duch den Sinn.

Aber je mehr ich über den Fremden, von dem nur ein paar Knochenreste und dieses Tonpfeifenfragment übriggeblieben war, nachdachte, desto weniger vermochte ich mich in seine Welt einzufügen. Er bleib mir ein Fremder aus einer fremden unbekannten Welt die mir und meinen Gedanken verschlossen blieb.

Nein, es wurde keine Geschichte daraus. Meine Phantasie, die sonst sehr rege war, lies mich diesmal schmählich im Stich.
Am nächsten Tag ging ich abends zum Stammtisch in den "Schwarzen Drachen", die Tonpfeife nahm ich mit und zeigte sie meinen Freunden. Sie ging von Hand zu Hand, wurde bestaunt, bewundert und kommentiert. Dann erhielt die Pfeife einen Ehrenplatz auf dem kleinen Wandregal über dem Tisch.

Meine Freunde und ich saßen dann noch lange zusammen in der Gaststube des Drachens und unterhielten uns über die Begebenheiten des Tages. Dazu rauchten wir unsere Pfeifen, tranken unseren Wein, Tee oder Most und waren zufrieden.